„Entwicklungshilfe“

Ein Denkanstoß.
Jetzt in der Vorweihnachtszeit habe ich viele Anzeigen gelesen oder auch viel Werbung im Fernsehen gesehen, die sich mit dem Thema “Spenden“ auseinandergesetzt haben. Dabei

kam ich ins Grübeln über die Sinnhaftigkeit dieser Spendenaufrufe. Spenden sollte man für Waisenkinder in Peru, Afrika, Russland, Äthiopien und den Anden oder für den Schulenbau in den eben genannten Ländern. Auch wurden, und das war mein Aufhänger für diesen Beitrag, die Zahlungen und Maßnahmen, die in Form von Entwicklungshilfe geleistet wurden, gerühmt.
Dabei ist wichtig zu betrachten, dass eine sachlich geführte Debatte über Spenden und Entwicklungshilfe kaum möglich ist, da wir auf Grund der medialen Präsenz sehr emotional diesen Begriffen gegenüber eingestellt sind. Wenn wir ehrlich sind: Was verleitet uns dazu zu Spenden? Emotional geführte Argumentationen der Organisationen, die meist mit bedauernswerten Kindern auf Hochglanzpapier werben, lassen uns kaum darüber nachdenken ob die Hilfe, die in aller Welt geleistet wird auch sinnvoll ist. Macht es zum Beispiel Sinn Nahrungsmittel zu spenden, wenn dadurch die einheimischen Bauern ihre eigene Ernte nicht mehr verkauft bekommen und in die Armut abrutschen? Oder ist es sinnvoll Schulen zu bauen, in denen dann auf lange Sicht die Lehrer fehlen?
Auch Entwicklungshilfe ist durchaus kritisch zu sehen. In ihrer momentanen Form, dass Anlagen und Know-how aus dem Ausland kommen, lässt auch wieder die eigene Wirtschaft in den Kinderschuhen zurück. Es gibt keinen Anreiz auf Innovationen, die zu den regional vorhandenen Gegebenheiten passen würden. Technische Anlagen aus zum Beispiel Deutschland sind qualitativ super, aber ich bezweifle, dass diese Anlagen auf die Bedürfnisse der Gegebenheiten in Äthiopien angepasst werden. Nicht nur die klimatischen Verhältnisse sind grundlegend verschieden, sondern auch die Mentalität der Menschen ist eine andere, wodurch die technischen Anlagen wahrscheinlich anders bedient werden, als es ursprünglich konzipiert und geplant war.
Auch ein interessanter Ansatz ist, dass Spenden durchaus eine Lebensgrundlage darstellen können. “Wozu soll ich hart arbeiten, wenn ich, wenn ich nichts schaffe, genau so gut leben kann durch die Spenden“. Die Notleidenden, egal ob Kinder oder Flüchtlinge oder alleinerziehende Mütter – Wenn kein Anreiz besteht etwas gegen sein Elend zu tun verpufft jede Spende oder Hilfe wirkungslos. Siehe dazu auch die Ansätze des Johann Heinrich Pestalozzi.
Hier ist nun auch der Knackpunkt, an dem meiner Meinung nach gute Hilfe von schlechter Hilfe unterschieden werden kann. Natürlich muss ich Flüchtlingen schnell helfen mit allem was ihnen fehlt. Aber ein Konzept der Hilfe sollte vor allem Nachhaltigkeit im Sinne von Hilfe zur Selbsthilfe verfolgen. So ist es eben nicht damit getan nur ein bisschen Reis und Zelte in ein Krisengebiet zu schicken, sondern dann, wenn die Unruhen vorbei sind muss dort vor allem mit Bildung nachhaltig gearbeitet werden. Damit der dortige Staat auf Bildung aufgebaut werden kann und somit auf einem stabilen Fundament steht. Denn Bildung ist essentiell für den Erhalt von Frieden. Nur wenn ich mir der Zusammenhänge bewusst bin, die um mich herum geschehen und in denen ich mich bewege, kann ich sie richtig einordnen und werde eben nicht durch radikales oder sehr einseitiges Gedankengut manipuliert.
Doch die grundsätzlichste Frage, die sich mir stellt ist die, warum wir der ganzen Welt helfen, wobei vor unserer Haustür genug Leid vorhanden ist. Die gute Nachricht dazu: Dies geschieht bereits, wird aber momentan von offizieller Seite aus eher torpediert als unterstützt: In Turnvereinen leisteten ehrenamtlich Tätige, so wie ich einer bin, durchaus eine „Entwicklungsarbeit“. Wir helfen unseren Turnern sich zu entwickeln, Persönlichkeit zu erlangen und Mut und Selbstvertrauen auszubilden. Dass diese Arbeit mehr als sinnvoll ist zeigen mir jede Woche aufs neue die fröhliche Stimmung in der Halle und die Nachhaltigkeit zeigt sich darin, dass auch ältere Semester, die schon lange mit dem aktiven Turnen aufgehört haben sich regelmäßig blicken lassen und bei Wettkämpfen, Festen und Feiern, soweit es ihnen möglich ist, auch ordentlich zupacken. Die Arbeit im Turnverein ist insbesondere deswegen sinnvoll, weil bei uns die Jugendlichen ohne den immensen Leistungsdruck, der momentan in der Schule herrscht, ihren natürlichen Bewegungsdrang ausleben können, dabei so genannte „Soft-Skills“ erlernen und ganz nebenbei auch noch etwas für ihre Haltung, Gesundheit und Fitness tun. Soft-Skills sind Werte, wie Pünktlichkeit, Rücksicht, warten können, mithelfen, ein Wir-Gefühl entwickeln und sich mit etwas identifizieren und nicht zu vergessen lernen bei uns die älteren Jugendlichen auch den Umgang mit Menschen. Dass diese Kenntnisse im späteren Berufsleben oder im Studium hilfreich sind, mag keiner bezweifeln. Bis jetzt war kein Turner, der langjährig dabei war und auch neben seiner Ausbildung oder Beruf ab und zu Zeit für das Turnen fand, arbeitslos oder hatte Probleme bei der Ausbildungsplatzsuche. Denn der Arbeitsmarkt weiß, dass gerade Turner ein sehr gutes Gespür für ein soziales Miteinander und vor allem Führungskompetenzen besitzen. Gerade letzteres ist sehr wichtig, egal wo man seinen Beruf oder seinen Ausbildungsplatz hat.
Warum genießt nun aber die Art der „Entwicklungshilfe“, wie sie in Turnvereinen durchgeführt wird, kein solch positives Ansehen, wie die Entwicklungshilfe in fernen Ländern? Die Antwort die ich geben kann ist sowohl einfach als auch verblüffend: Es sieht einfach besser aus. Es brüstet sich leichter mit „Ich habe 100€ nach Afrika gespendet“ als „Ich habe mit 100€ den örtlichen Turnverein unterstützt“. Die Wirksamkeit der 100€ möge durchaus unterschiedlich gewertet werden. Mit diesem Betrag können in Afrika sehr viele Kinder ein Jahr zur Schule gehen. Dafür reicht das Geld hierzulande nicht. Allerdings würden wir es einigen Kindern hier vor Ort ermöglichen, für einen geringeren Beitrag zum Beispiel bei unserer Freizeit auf der Happy Mary teilzunehmen. Indem wir aber das Geld ins Ausland schicken grenzen wir bewusst vor unserer Haustür bestimmte Schichten unserer Bevölkerung aus. Diese Ausgrenzung von der Teilhabe an Veranstaltungen des öffentlichen Lebens führt zu einer meiner Meinung nach nicht zu tolerierenden Diskriminierung eines Teils unserer Bevölkerung. Und das ist der Grund, warum wir uns dreimal überlegen sollten was wir mit unserer Spende machen.
Es macht einen Unterschied, ob wir eine Spende tatsächlich in ein Entwicklungsland schicken, oder ob wir sie vor unserer Haustür in einen Verein investieren, bei dem wir den Einsatz der Spende sogar noch kontrollieren und nachvollziehen können. Ein e.V. hat schließlich den Vorteil, dass alle Mitglieder bei der Jahreshauptversammlung über den Haushaltsentwurf für das kommende Jahr mit entscheiden können und gleichermaßen auch Einblick in die Bücher des letzten Jahres erhalten können.

Deshalb mein Appell: Denkt bei Entwicklungshilfe nicht nur an Entwicklungsländer. Denkt auch an die Arbeit im Turnverein!

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